Spotify sucks Wenn Accessibility als Add-On begriffen wird

Text:Playlists Music Streaming mit Icons und angedeuteten Listen

LPs und CDs habe ich im Laufe der Zeit zu genüge gekauft. Jetzt habe ich mir die Streaming-Dienste für Musik angeschaut. Eins lässt sich nach einigen Stunden Recherche und Ausprobieren sagen: Die User Experience (UX) der Software ist praktisch nicht vorhanden, was insbesondere für die Software von Spotify – ein führender Anbieter von Musik-Streaming-Diensten – gilt. Die Spotify UX war bei mir so negativ wie lange nicht mehr.

Spotify UX = SUX

Die Idee, mich bei Spotify anzumelden, entstand nach einem Besuch bei Freunden zwischen Weihnachten und Neujahr. Abends bei einem Glas Wein sprachen wir über ein gemeinsam besuchtes Konzert in den 1990er, und kurz danach liefen die schönsten Lieder der Band im Internetradio. Das ging mit den Playlists von Spotify – und einem iPhone. Ich hatte mich vorher gar nicht damit beschäftigt und fand, jetzt sei die Zeit auch für mich gekommen, mich mit Musik-Streaming-Diensten zu beschäftigen.

Die Website von Spotify hat das Motto „Musik für alle“. Das erinnert ein wenig an „Design for all“ und die ganzen anderen inklusionsbedingten Initiativen und ich dachte noch, dass eine solche Ausrichtung doch vielversprechend sei. Der erste positive Eindruck hat leider nicht sehr lange angehalten. Ich will dabei nur zwei Punkte erwähnen, die meine UX negativ beeinflusst haben, auch wenn die Liste problemlos auf die zehnfache Länge ausgedehnt werden könnte:

  • Die Anmeldung soll über Facebook laufen, was ich sehr merkwürdig fand. Ich sagte noch zu einem Mitarbeiter, dass die das nicht machen können, aber er versicherte mir, das sei bei Spotify so. Allerdings kann eine Anmeldung ohne Facebook vorgenommen werden, nur muss man zuerst darauf kommen, das entsprechende Häkchen zu entfernen; diese Erfahrung lies die Seriosität von Spotify in meinen Augen zusammenschrumpfen.
  • Die wirkliche Enttäuschung kam mit der Anwendung für Windows. Sie lässt sich mit einem Screenreader ganz und gar nicht bedienen, d.h. mit JAWS ist praktisch nichts möglich und mit NVDA kann mit viel Geduld eine minimale Zugänglichkeit behauptet werden. Daraufhin habe ich mich bei anderen Screenreadernutzern umgehört: Die Spotify-Anwendung für Windows ist für blinde Nutzer nicht bedienbar, was im Übrigen auch für die Anwendung für Mac OS X gilt.

Nun, dass eine Anwendung nicht barrierefrei ist, kommt durchaus vor. Oft bedarf es an einigen Hinweisen, damit Verbesserungen eingeleitet werden, aber bei Spotify führte eine neue Version im letzten Jahr offenbar zu einer deutlichen Verschlechterung der Zugänglichkeit und die aktuellen Betas sind in einem Screenreader ebenfalls nicht zu gebrauchen. Spotify verlagert die Verantwortung dabei auf Drittanbieter und begreift dabei die Barrierefreiheit als Zusatzfeature. Die UX spielt also keine Rolle bei Spotify.

Auch ich habe an Spotify geschrieben und habe eine ähnlich nichtssagende Antwort bekommen: Uns ist wichtig, dass alle sich über gute Musik erfreuen können und die Möglichkeit haben Spotify auf alternative Art zu bedienen. Hoffentlich werden wir in der nahen Zukunft diese Funktion schon anbieten können. Nun, Barrierefreiheit ist zwar keine Funktion, aber sei es drum. Ein wirkliches Interesse an nutzbarer Software ist bei Spotify nicht zu erkennen. Insbesondere scheint das Problem nicht erkannt worden zu sein: Wenn die Voraussetzungen nicht in der Software berücksichtigt werden, die für einen barrierefreien Zugang notwendig sind, können Drittanbieter nichts daraus machen.

Alternativen

Screenreadernutzer sind nicht gänzlich von der Nutzung von Spotify ausgeschlossen. Die App für iOS (iPhone und iPad) ist angeblich von blinden Nutzern bedienbar. Offenbar lässt sich auch der Logitech Media Server in einem Screenreader nutzen, aber ein millionenschweres Unternehmen müsste eigentlich in der Lage sein, die technischen Voraussetzungen für die Zugänglichkeit betriebssystemübergreifend zu schaffen. Software muss die Accessibility-API des Betriebssystems nutzen – ohne diese Voraussetzung können Anpassungen von Screenreadern nicht vorgenommen werden.

Update: Die App für Android ist auch mit Screenreader nutzbar, siehe Hinweis in den Kommentaren.

Nach dem Besuch vieler Websites scheinen die Alternativen zu Spotify nicht besser zu sein, wenn es um Barrierefreiheit geht. Jedenfalls gibt es eine Reihe von Anbietern, die ich noch anschauen will. Nach der heutigen Odyssee durch das Web befürchte ich aber, dass ich mir dafür noch ein Gerätchen zulegen muss – ein iPhone – um Streaming-Dienste für Musik nutzen zu können.

Wenn es Probleme mit der Zugänglichkeit gibt, könnte man annehmen, dass engagierte Entwickler die Lücke füllen. Um die Streaming-Dienste von Spotify auf Windows zu nutzen, habe ich zwei Anwendungen gefunden:

  1. Es gibt Erweiterungsskripts für JAWS, die ungefähr 10 Dollar kosten. Die Bedienung ist nicht gerade einfach, aber wenn man bereit ist, mit dem virtuellen Cursor und einer OCR zu arbeiten, können einige Features von der Windows-Anwendung für Spotify genutzt werden.
  2. Blindspot ist eine spezielle Software. Zunächst erscheint auf dem Bildschirm herzlich wenig – die Navigation erfolgt größtenteils Off-Screen und ist nur mit einem Screenreader zugänglich. Auf der anderen Seite dient sie lediglich dazu, bestehende Playlists und einzelne Musikstücke abzuspielen. Die Software ist mit einem Screenreader nutzbar, aber sie liefert mir nicht, was ich haben möchte, z.B. die Möglichkeit, Playlists zu erstellen und zu speichern.

Fazit

Die Suche nach einem barrierefreien Streaming-Dienst für Musik geht weiter. Vielleicht ist die Zeit für eine Software-Lösung noch nicht reif und eine Hardware-Lösung muss her. Jedenfalls ist die derzeitige Situation nicht befriedigend.

Eins muss ich aber noch loswerden: Der Slogan von Spotify ist irreführend. Die Streaming-Dienste sind vielleicht für eine Mehrheit entwickelt worden, aber es werden ebenso Nutzer explizit ausgeschlossen. Sich auf Drittanbieter zu verlassen, alternative Lösungen zu entwickeln, statt die Voraussetzungen für eine barrierefreie Nutzung zu schaffen, wird langfristig dem schwedischen Unternehmen eher schaden. Wer Musik für alle verspricht, muss dafür auch die technischen Voraussetzungen schaffen.

12 Gedanken zu “Spotify sucks – Wenn Accessibility als Add-On begriffen wird

  1. Und der größte Witz ist noch, dass man für Blindspot einen Premium-Account braucht, da Spotify anderen Programmen die Anmeldung kostenloser Accounts verwehrt.

    Ich bin mal gespannt, was sich bei Blindspot die nächste Zeit tut. Leider scheint es keine Info über Neuerungen auf der Internetseite zu geben.

  2. Ich war letztes Jahr im April bei Spotify in Stockholm zu Besuch und habe denen mal ein bisschen was gezeigt. Die Reaktionen sind sehr positiv gewesen, die Ergebnisse jedoch sehr unterschiedlich ausgefallen. Während die Apps für iPhone/iPad und Android inzwischen ziemlich gut funktionieren, und sich auch im Web Player ein bisschen was getan hat, sind die Mac- und Windows-Clients in der Tat bisher keinen Schritt weiter. Es gab einen kurzen Kontakt im Sommer zwischen mir und einem studentischen Praktikanten, aber außer zwei E-Mails kam danach nie was nach, also keine greifbaren Ergebnisse.

      1. Hm, ganz ehrlich, da ich Musik eh fast ausschließlich auf meinem iPhone und/oder iPad konsumiere, so gut wie gar nicht mehr am PC oder Mac, auch mit iTunes nicht, hält sich mein Engagement hier in Grenzen. Sie wissen, was sie tun müssen, aber für die paar Male, wo ich Spotify nutze, nutze ich es über die zugänglichen Mobil-Apps. Ich habe auch festgestellt, dass ich auch auf Spotify meist einfach die Alben von Künstlern höre, die mich interessieren. Und das kann ich in iTunes besser haben, ohne Werbung. 😉 Ich bin also definitiv kein typischer Spotify-Nutzer, der mit Play Lists, dieser Radio-Funktion o. ä. arbeitet.

  3. Mit ein Grund aus dem ich Spotify verwende und auch bereit bin den Premium-Account zu bezahlen ist, daß Spotify eine Softwarebibliothek (libspotify) bereitstellt, mit der Entwickler Spotify in eigene Anwendungen integrieren oder alternative Player entwickeln können. Der offizielle Spotify-Client für Linux ist ebenfalls nicht zugänglich, mit Spopd, Mopidy oder Spotimc, einem Spotify-Plug-in für die Media-Center-Software Kodi, kann ich Spotify dennoch auf dem Rechner nutzen. Dabei steht zwar häufig nicht der volle Funktionsumfang zur Verfügung, so ermöglicht Libspotify zur Zeit kein Spotify Radio und auch Spotify Connect ist leider nicht implementiert, aber die mit Abstand wichtigste Funktion, das selektive Anhören von Musik und Hörbüchern und Hörspielen ist kein Problem. Auch die Android-App von Spotify ist voll nutzbar, daher sieht es in meinem Fall mit der Zugänglichkeit gar nicht so schlecht aus.

    Nichtsdestotrotz stimme ich natürlich uneingeschränkt zu, Zugänglichkeit sollte kein Zusatz-Feature sein. Ich würde mich am Wort „Funktion“ in der Antwort von Spotify aber nicht so sehr stören, das war halt das Template, das der Support bei Anfragen zu Anwenderwünschen rausschickt, die bislang nicht erfüllt werden. Zugegeben, so eine Antwort vermittelt nicht gerade das Gefühl, daß sich mit der Anfrage überhaupt näher beschäftigt wurde. Da hilft halt nur, möglichst viele User zu ermutigen, sich mit entsprechenden Anfragen an Spotify zu wenden. Je höher die Anzahl an Anfragen zur Zugänglichkeit der verschiedenen clients, um so höher auch die Chance, daß die Entwickler sich dem Thema widmen und die Zugänglichkeit entsprechend ernst nehmen.

  4. unter Android ist die spotify app auch mit talkback bedienbar, könntest du das noch aktualisieren? An sonsten kann ich dir nur zustimmen, danke für diesen klasse Eintrag!

  5. Ich geb dir in allen Punkten deines Beitrags Recht, vor allem bezogen auf die Desktop-Apps ist Spotify bzgl. Zugänglichkeit echt schlimm bzw. haben sie es nicht begriffen und bauen neue Anwendungen, die genauso schlecht nutzbar sind, wie die alten zuvor auch.

    Es gibt aber viele Möglichkeiten, wie Spotify und auch andere Streaming-Anbiter trotzdem ganz gut genutzt werden können. Einmal sind oft die mobilen Apps gut nutzbar, hier hat sich bei Spotify wirklich viel im letzten Jahr getan, aber auch mit dem von mir empfohlenen Logitech Media Server, der eigentlich für ganz andere Dinge gedacht ist, lassen sich viele Streaminganbieter nutzen, wenn man die Inhalte über einen Softwareplayer abspielt.

    Es ist also noch viel Luft nach oben, ganz unbrauchbar sind Spotify und co aber nicht.

  6. Danke für diese klaren Worte – gut, das öffentlich kund zu tun!
    Mich selbst berühren diese Schwierigkeiten nicht. Ich bevorzuge Internetradio ohne Streamingdienst – und arbeite nicht mit Screenreader sondern mit Screen-Magnifier.
    Eigentlich sind mir moderierte Sendungen lieber als Streaminglisten. Da wäre es logisch, immer über die Webseiten der Sender zu gehen, aber das ist häufig eine elende Sucherei, bis man den richetigen Play-Knopf findet. Leichter geht’s über Radio-Portale. Leider kann ich da aber nichts zur Barrierefreiheit sagen.
    Hinweisen möchte ich auf das Programm „RadioBox“. Dieses Programm ist optimiert für blinde Anwender. Der Entwickler – Wladimir Kon – ist selbst blind. Hier der Download:
    http://radiobox.serverma.de/radiobox.php?de

    Nicht aus Notwendigkeit, sondern eher aus Spaß an der Freude habe ich mir eine eigene Senderliste zusammen gestellt. Siehe hier:
    http://home.arcor.de/cl.ru/radio/
    Der versierte Anwender kann sich diese Webseite runterladen, den eigenen Bedürfnissen anpassen und entweder im Netz oder auf seinem PC speichern.

  7. Bedauerlicherweise ist es auch bei Napster nicht anders. Die IOSApp ist einigermaßen bedienbar, aber unter Windows und Mac ist, so mein letzter Kenntnisstand nichts zu machen.

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