Barrierefreie IT 2015 Eine Konferenz der T-Systems Multimedia Solutions zu barrierefreiem Webdesign

Im Hintergrund Auschnitt einer Tastatur. Geschwungener Schriftzug "Konferenz Barrierefreie IT 2015"

Heute fand die Konferenz Barrierefreie IT 2015 im Schokoladenmuseum zu Köln statt. Sie war kostenfrei und versprach einige interessante Vorträge.

Das Positive zuerst

Das Ambiente im Kölner Schokoladenmuseum war gut und der Veranstalter (T-Systems) hat nicht nur für ein Buffet während der Mittagspause gesorgt, sondern es war jederzeit möglich, sich mit Getränken und Kleinigkeiten zu essen zu versorgen. Die Technik war ebenfalls bestens und insgesamt herrschte eine sehr angenehme und freundliche Atmosphäre. Da die Veranstaltung in einem Museum stattfand, wurde am Ende der Veranstaltung eine Führung durch das Museum angeboten, an der ich allerdings nicht mehr teilnahm.

Der positivste Aspekt der Veranstaltung war, dass sie von einem Wirtschaftsunternehmen organisiert wurde. Abgesehen davon finden in den letzten Jahren nicht mehr so viele Konferenzen zum Thema statt – obwohl das Thema noch lange nicht überall angekommen ist – und deshalb ist die Initiative sehr begrüßenswert.

Die Authentizität der Vorträge wurde dadurch unterstrichen, dass die Mehrzahl der Referenten selbst eine Behinderung hatten. Klaus-Peter Wegge demonstrierte die Bedienung des iPhones mit VoiceOver live – für Einsteiger in das Thema der Augenöffner schlecht hin. Auch Michael Herbst vermittelte sein Fachwissen zur Integration von Menschen mit Behinderungen im Beruf, und das mit Eloquenz und Humor. Insgesamt waren die Redner gut gewählt.

Persönlich freute ich mich auch, den einen oder anderen Bekannten wieder zu treffen. Die Welt von Accessibility ist doch relativ klein.

Meine Kritik

Ich möchte aber noch erklären, warum ich insgesamt von der Veranstaltung doch enttäuscht bin.

Zunächst musste der Vortrag von René Fischer von der Bundesagentur für Arbeit krankheitsbedingt ausfallen. Von seinem Praxisbericht hatte ich mir noch die meisten Erkenntnisse versprochen. Da steckt man nicht drin und selbstverständlich geht die Gesundheit vor.

Die Themen waren gut gemischt und somit abwechslungsreich. Allerdings fühlte ich mich teilweise um 10 Jahre zurück versetzt. Die beiden Vorträge von Klaus-Peter Wegge und Michael Herbst waren interessant und kurzweilig (auch wenn das Thema von Michael nicht ganz rein passte). Von den anderen Vorträgen habe ich aus ganz unterschiedlichen Gründen wenig mitgenommen:

  • Prof. Frank Schönefeld präsentierte unter dem Titel „Die Arbeitswelt im Wandel – Digitale Transformation gestalten. Intelligent. Vernetzt. Cloudbasiert. – Barrierefrei?!“ viele moderne Techniken. Das sind alles schöne und visionäre Inhalte gewesen, aber die Barrierefreiheit kam praktisch nicht vor. Mir schien es, als ob der letzte Begriff im Titel für die Veranstaltung an einer bereits geübten Präsentation dran gehängt wurde. Jedenfalls wurde deutlich, dass es sehr viel in Sachen Barrierefreiheit zu tun, aber nicht, dass es bereits viele Lösungen gibt.
  • Der Vortrag von André Meixner war eigentlich ein guter Einstieg. Er präsentierte recht viele Aspekte, die für die Einschätzung der Barrierefreiheit wichtig sind. Allerdings gab es mehrere inhaltliche Fauxpas. Beispielsweise wurde Leichte Sprache im Kontext von Gehörlosigkeit (und nicht etwa Lernbehinderung) gestellt oder die Arbeitsweise von Screenreadern durch das Off-Screen Model (statt des Accessibility-Trees) erklärt. Sicher, es handelt sich um Detailfragen, die für einen allgemeinen Einstieg nicht ganz so wichtig sind, aber dafür, dass er Leiter des User Centered Tests der T-Systems Multimedia Solutions ist, fand ich das vermittelte Wissen nicht wirklich handfest, zumal einige Punkte schon seit 10 Jahren nicht mehr aktuell waren.
  • Die beiden Vorträge zu E-Learning von Dr. Steffen Puhl und Ursula Weber waren für mich von vorneherein nicht so interessant, so dass ich die Gelegenheit nutzte, zwischen durch ein wenig draußen in der Sonne zu sitzen. Was ich aber mitbekommen habe ist, wie Ursula Weber auch ihren Screenreader in Aktion vorführte, was aber nicht ganz so gut gelang, wie die erste von Klaus-Peter Wegge. Ja, die Situation kenne ich: Sprechen und gleichzeitig den Lautsprechern lauschen funktioniert bei mir auch nicht.

Die Veranstaltung war insgesamt sehr „blindenlastig“. Vier der sechs Sprecher waren blind oder stark sehbehindert. Die diskutierten Themen kreisten im Wesentlichen um Screenreader und auch im Publikum waren verhältnismäßig viele blinde Teilnehmer. Das war auch die Kritik von Heinz Mehrlich, langjähriger Mitwirkende im Fachausschuss für die Belange Sehbehinderter: Während der Podiumsdiskussion bemängelte er zurecht, dass die Erfordernisse für Sehbehinderte nicht vorgekommen seien. Auf andere Behinderungsarten ist übrigens so gut wie gar nicht eingegangen worden.

Mehr Schwung in Sicht

Unabhängig davon, wie ich die Veranstaltung persönlich wahrgenommen habe, finde ich solche Veranstaltungen wichtig. Weil Barrierefreiheit oft nicht auf der Agenda steht, müssen Entscheidungsträger immer wieder über die Bedeutung der Barrierefreiheit informiert werden. Wenn es mehr solcher Veranstaltungen gäbe, gäbe es weniger Probleme mit schlechter Software in der Praxis.

Am Horizont befindet sich übrigens bereits der nächste Antreiber für Barrierefreiheit. Das Behindertengleichstellungsgesetz wird novelliert. Obwohl seitens der Bundesregierung bislang keine Bereitschaft erkennbar ist, die Wirtschaft „anzufassen“, hat der Deutsche Behindertenrat (DBR) eine bessere Verankerung von Barrierefreiheit im privatwirtschaftlichen Bereich in ihrem Papier Für einen behindertenpolitischen Aufbruch 2015 konkretisiert, das zum Welttag der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember 2014 veröffentlicht wurde. Ich kann nur hoffen, dass der DBR die Verhandlungen gut führt.

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