Weiße Ware Die barrierefreie Bedienung von Haushaltsgeräten

Bedienelement einer Waschmaschine mit verschwommener Beschriftung

Am letzten Wochenende nam ich an einem Seminar der PRO RETINA Deutschland teil, in dem es um die Erstellung eines Checkhefts für Personen ging, die mit drohender Blindheit konfrontiert werden. Das Themenspektrum ist sehr breit und in diesem Seminar wurden nur drei der vielen Themenkomplexe behandelt, u.a. die Führung des Haushalts. Einer der vielen Einzelaspekte war dabei die sichere Bedienung von Haushaltsgeräten. Das Thema ist auch an anderer Stelle aktuell: Die Nutzbarkeit von Haushalts- und Unterhaltungselektronik ist Anlass einer Fachtagung im September während der Internationalen Funkausstellung in Berlin.

Bedienung von Haushaltsgeräten

Einer der vielen Probleme bei einer Sehverschlechterung ist die Bedienung von Haushaltsgeräten. Oft sind es Bedienungsanleitungen oder Displays, die nicht oder nur umständlich gelesen werden können. Es geht aber auch um die Bedienung der Geräte selbst, z.B. ein Touch-Screen, der meist nur mit einem guten Sehvermögen gut zu bedienen ist.

Die Anforderungen Sehbehinderter an bedienbare Haushaltsgeräte sind sehr unterschiedlich. Bei über eine Million Menschen alleine in Deutschland mit einer wesentlichen Einschränkung des Sehvermögens ist der Bedarf an Geräten, die mit einer eingeschränkten visuellen Wahrnehmung bedient werden müssen, auch nicht klein. Es geht dabei im Wesentlichen um Kontraste und leserliche Schrift sowohl auf Displays als auch auf den Geräten selbst.

Für stark sehbehinderte und blinde Personen erhält eine akustische Ausgabe – sei es Quittungstöne oder Sprachausgabe für Statusmeldungen – eine wichtige Rolle für die Bedienbarkeit. Darüber hinaus muss die Eingabe (Einstellung des Geräts) haptisch erfolgen können; Wippschalter mit der Anzeige des Werts in einem Display sind beispielsweise keine barrierefreie Lösung.

Auf dem Markt gibt es einzelne Geräte, die von sehbehinderten und/oder blinden Personen bedient werden können. Manchmal beschränkt sich die Bedienbarkeit auf die essentielle Funktionalität eines Geräts und seltener sind einige weitere Funktionen ohne visuelle Wahrnehmung bedienbar. Wenn beispielsweise die Programmeinstellung einer Waschmaschine über eine sich einrastenden Drehknopf einstellen lässt, gilt die Maschine grundsätzlich als bedienbar (auch wenn die Position einzelner Programme von der Person gemerkt werden muss). Es gibt im Bereich der Haushaltsgeräte aber keine Produkte, die von Blinden und Sehbehinderten generell barrierefrei nutzbar sind, im Gegenteil: Die Mehrheit der Haushaltsgeräte ist nur teilweise oder überhaupt nicht nutzbar.

Worauf kommt es an?

Obwohl es bei barrierefreien Haushaltsgeräten im Kern um die tägliche Bedienung der Geräte geht, spielen viele weitere Aspekte eine wichtige Rolle. Zwei Beispiele sind die Kaufentscheidung und die Bedienungsanleitung:

  • Schon vor dem Kauf eines Haushaltsgeräts stellt sich das erste Problem: Wo gibt es Informationen zur Barrierefreiheit von Haushaltsgeräten? Das Thema ist noch nicht im Mainstream der Geräteübersichten und -tests angekommen und zuverlässige Bewertungen einzelner Produkte sind nicht nur rar, sondern veralten schnell, wenn Hersteller neue Produkte auf den Markt bringen. Die Deutsche Gesellschaft für Hauswirtschaft hat einige Checklisten entwickelt, die beim Kauf bestimmter Haushaltsgeräte herangezogen werden können. Die Checklisten sind „nur“ an Käufer gerichtet und stellen keine konkreten Anforderungen an die Hersteller dar. Darüber hinaus kann derzeit keine kompetente Beratung im Einzelhandel erwartet werden: Auch wenn manche Berater durchaus qualifizierte Aussagen zur Barrierefreiheit einzelner Geräte machen können, steht ein Großteil des Fachpersonals bei der Frage nach der Barrierefreiheit von Haushaltsgeräten auf dem Schlauch.
  • Vergrößerungssystem mit angeschlossenem Laptop.Nach dem Kauf entstehen weitere Probleme, wenn es um die Inbetriebnahme des Geräts geht. Die wichtigen Informationen stehen üblicherweise in einer Bedienungsanleitung, aber wer schlecht oder gar nicht sehen kann, muss an der Stelle umständliche Prozeduren durchlaufen, um an die Inhalte zu gelangen. Viele Sehbehinderte werden mit Hilfe einer Lupe oder eines elektronischen Lesegeräts die Inhalte erschließen können, aber es können praktische Probleme auftreten, z.B. wenn das Lesesystem im Arbeitszimmer steht und die Waschmaschine im Keller.
    Für sehbehinderte ebenso wie für blinde Personen ist deshalb eine barrierefreie PDF-Datei notwendig, ansonsten muss die Bedienungsanleitung eingescannt und mit einer Texterkennungssoftware in lesbaren Text umgewandelt werden, um sie dann in eine gewünschte Darstellung zu bringen (z.B. in vergrößerter Schrift ausdrucken oder in eine Audio-Datei umwandeln).

Für die tägliche Nutzung von Haushaltsgeräten ist es notwendig, dass alle Komponenten und Anzeigen visuell gut wahrnehmbar sind. Wenn Personen nicht über ausreichende visuelle Wahrnehmung verfügen, müssen für die barrierefreie Nutzung weitere Anforderungen erfüllt werden:

  • Das Einstellen des Geräts muss entweder haptisch oder akustisch möglich sein. Normalerweise bedeutet das, dass für die wesentlichen Funktionen die Einstellung mit Schaltern und Knöpfen erfolgen muss; beispielsweise müssen Temparatureinstellungen für einen Herd durch Rasterungen oder haptische Abgleich möglich sein.
  • Bei Warnungen oder Statusmeldungen auf Displays müssen die Informationen ebenfalls nach einem 2-Sinne-Prinzip zugänglich sein. Für einfachere Geräte reichen oft Signaltöne, aber je differenzierter die Meldungen werden, desto notwendiger ist eine zuschaltbare Sprachausgabe.

Display einer Waschmaschine auf dem 'Wasserhahn zu?' zu lesen ist.

Diese Beispiele stellen nur die Spitze des Eisbergs dar. Haushaltsgeräte bieten mittlerweile eine Fülle von Funktionen, die oft nur über Displays steuerbar sind. Darüber hinaus können oft weitere Informationen – sei es Texte aus dem Netz oder Hilfefunktionen – dort angezeigt werden. Wenn Barrierefreiheit ein Kriterium für moderne Bedienfelder ist, dann müssen die Geräte einerseits über sehbehindertengerechte Einstellungen für die Darstellung und andererseits mit einer Sprachausgabe als Alternative für die visuelle Darstellung ausgestattet werden. Diese Herausforderungen sind immer in Abhängigkeit der Funktionen des Geräts zu sehen.

Die Bedienung von Geräten über eine Schnittstelle (z.B. mit einer barrierefreien App auf einem Smartphone) stellt ein Lösungsansatz dar, kann aber in der Praxis schwierig werden. Abgesehen davon, dass Nutzer ein entsprechendes Gerät besitzen und bedienen können müssen, ist der Zugang über ein Zusatzgerät nicht immer sicher. Wenn beispielsweise ein Topf auf dem Herd überkocht, ist es für die Person sicherer, wenn ein Knopf am Herd bedient werden kann statt mit einem Mobilen Gerät den Herd zu steuern. Andere Features wie z.B. ein Timer für die Kaffeemaschine betreffen die Sicherheit nicht, und die Bedienung über ein Zusatzgerät wäre nicht kritisch.

Hersteller und Nutzer

So wie ich das einschätze, ist noch einiges an Kommunikation zwischen Nutzern und Herstellern erforderlich, bis ein akzeptables Maß an barrierefreien Haushaltsgeräten im Einzelhandel verfügbar sein wird. Es beschäftigen sich verschiedene Unternehmen mit dem barrierefreien Zugang sowohl zur weißen Ware (Haushaltsgeräte) als auch zur braunen Ware (Unterhaltungselektronik), aber richtige gute (und nachhaltige) Lösungen gibt es bislang nicht. Von den ca. ein Dutzend „sprechenden“ Geräten in meinem Haushalt ist nur mein Wecker mehr oder weniger barrierefrei. Alle anderen Geräte bieten die Sprachausgabe für einen Teil der Funktionen und eine vollständige Bedienung ist nur mit einer guten Portion „Trial and error“ möglich.

Dass die Barrierefreiheit bei Haushaltsgeräten auf der Agenda der Produkthersteller steht, wird durch einen Messestand des DBSV während der kommenden Internationalen Funkausstellung Anfang September belegt. Anbieter von Haushaltsgeräten verschiedener Produktkategorien werden dort gemeinsam mit dem DBSV ausstellen. Während der Ausstellung findet auch die Fachveranstaltung „Nutzbarkeit und Barrierefreiheit von Haushalts- und Unterhaltungselektronik“ am 5. September 2016 statt. Nähere Informationen zum Messestand und zur Tagung erteilt der DBSV. Es ist wünschenswert, dass viele weitere Hersteller sich ein Beispiel nehmen und den Messestand zu einer dauerhaften Einrichtung werden lassen (sowie der barrierefreie Tourismus ein fester Bestandteil der Internationalen Tourismus Börse geworden ist).

Um zurück zum Seminar des letzten Wochenendes zu kommen, möchte ich nochmal auf den Ist-Zustand hinweisen. Im Abschnitt zum Haushalt stellte die Bedienung von Haushaltsgeräten nur einen Aspekt dar. Diskutiert wurden die Probleme und die Lösungsstrategien für Sehbehinderte und für Blinde. Einige Aussagen waren

  • Es gibt kaum Informationen über die barrierefreie Bedienbarkeit von Geräten.
  • Es werden Geräte mit Drehknöpfen für die wesentlichen Funktionen, am besten mit Einrastfunktion gekauft. Die genaue Einstellung (z.B. Programm einer Waschmaschine) wird auswendig gelernt.
  • Geräte mit Bedienung über einem Touch-Screen werden von manchen Sehbehinderten genutzt, aber nur wenn die Displays kontrastreich sind und/oder große Schrift aufweisen – je nach Sehbehinderung.
  • Die Bedienung über SmartPhones war mangels Erfahrungen bei den Teilnehmenden kein Thema.

Es wurden viele weitere Details besprochen, etwa die Pflege einer Spülmaschine oder die Zuhilfenahme von Schablonen beim Kochen auf einem Seranfeld. Die meisten Probleme können jedoch durch barrierefrei bedienbare Haushaltsgeräte gelöst werden.

Das Seminar fand im Rahmen des Checkheft-Projekts statt. Das Projekt wird gemeinsam von der Klinik für Augenheilkunde des Universitätsklinikums Münster und der PRO RETINA durchgeführt und wird drei Jahre dauern. Ziel des Projekts ist es, Lösungsansätze für sehbehinderte und blinde Personen in über 100 Lebensbereichen zu erarbeiten, wobei der Input von den Betroffenen kommt und anschließend wissenschaftlich validiert wird. Diese Mamuthaufgabe wird in Zukunft viel Unterstützung durch Personen mit einer Sehbehinderung benötigen, denn nicht nur deckt sie sehr viele Lebensbereiche ab, sondern die Lösungsstrategien sind häufig von materiellen Dingen abhängig, die sich im Laufe der Zeit hoffentlich immer weiter verbessern.

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