"Bist Du reich?" Wirtschaftliche Aussichten eines IT-Fachbuchautors

Bücherstapel und Cover der von Jan Eric Hellbusch veröffentlichten Bücher

Im Laufe der letzten 13 Jahre bin ich gelegentlich gefragt worden, ob ich es mit meinen drei Büchern über barrierefreies Webdesign zu Wohlstand gebracht habe. Das kann ich so nicht bestätigen, denn das Verhältnis von Arbeit zu Ertrag ist bei solchen Veröffentlichungen mehr als bescheiden.

Es gibt sicher viele Gründe, ein Buch zu schreiben. Als ich in 2001 das KnowWare-Heft „Barrierefreies Webdesign“ schrieb, hat mich das Thema einfach interessiert; dazu kam, dass ich in der PR-Abteilung einer größeren Organisation arbeitete und den Auftrag hatte, mich um die Barrierefreiheit des Webauftritts zu kümmern.

Die Entstehung des zweiten Buchs „Barrierefreies Webdesign“ im dpunkt.Verlag war etwas komplizierter, denn es handelte sich um eine Auftragsarbeit vom Forschungsinstitut Technologie und Behinderung. Außerdem war es mein Wunsch, dass weitere Experten dazu beitragen. Am Ende des halbjährigen Prozesses schwor ich, nie wieder ein Buch zu schreiben.

Dann wurde ich mir selbst untreu und begann in 2007 die Arbeit an einem dritten Buch, „Barrierefreiheit verstehen und umsetzen“. Auch die Entstehung dieses Buchs hat eine komplizierte Geschichte. Zunächst musste ich aufgrund einer Erkrankung das Projekt nach wenigen Monaten stoppen, und, als ich nach längerer Pause die Fäden wieder aufnahm, merkte ich, dass ich nicht genug Zeit aufbringen konnte oder wollte, die das Schreiben erforderte. Hier kommt Kerstin Probiesch ins Spiel und mit einem neuen Konzept wurden wir Co-Autoren; mit im Boot waren im Übrigen auch Markus Erle und Stephan Heller. Ich bin bis heute dankbar für ihr Engagement.

Vorab die schlechte Nachricht

Wer sich überlegt, ein IT-Fachbuch zu schreiben, sollte sich im Klaren sein, dass es sich wirtschaftlich kaum lohnt. Im Allgemeinen erhalten Autoren so um die 10% der Netto-Einnahmen des Verlags. Für ein Buch mit einem Ladenpreis von 50 Euro bedeutet das, dass Autoren 10% von weniger als 30 Euro pro verkauftem Exemplar erhalten. Bei einer Auflage von 2.000 Exemplaren, wovon eine mittlere dreistellige Anzahl von Büchern zu Marketing-Zwecken eingesetzt wird, bleiben dem Autor bestenfalls 5.000 Euro als Tantieme. Dieses Geld verteilt sich natürlich über die Zeitspanne, in der die Auflage verkauft wird.

Die Realitäten für meine drei Bücher sehen folgendermaßen aus:

  • Das KnowWare-Heft hatte ich neben der Arbeit geschrieben und das über einen Zeitraum von ungefähr drei Monaten. In den ersten Jahren verkaufte es sich sehr gut und ich erhielt insgesamt eine niedrige vierstellige Auszahlung. Als die zweite Auflage erschien (die ich gemeinsam mit Thomas Mayer völlig neu erarbeitete) wechselte das Label von dem dänischen Verleger Michael Maardt zu einer Osnabrücker Vertriebsgesellschaft. Seitdem habe ich keinen Cent mehr erhalten, obwohl zwischenzeitlich eine dritte und eine vierte Auflage veröffentlicht wurden. Die einzige Mitteilung des neuen Verlags seit 2005 war, ob ich das Heft nicht nochmal überarbeiten könne.
  • Das erste Buch beim dpunkt.Verlag war – wie bereits erwähnt – eine Auftragsarbeit. Die erste Auflage von über 2.000 Exemplaren war innerhalb von 11 Tagen ausverkauft, so dass nochmal so viele Bücher gedruckt werden mussten. Das war für mich ohne Belang, denn mein Honorar war bereits bezahlt worden. Dennoch steckten darin sechs Monate Belastung, denn auch diese Arbeit lief parallel zu meinem Angestelltenjob.
  • Das Buch Barrierefreiheit verstehen und umsetzen erforderte die meiste Arbeit. Verkaufen tut es sich stetig, aber durchaus mäßig. Die Tantiemen teile ich mit Kerstin und auf unsere Abrechnung steht jedes Jahr ein erstaunlich geringer Auszahlungsbetrag – davon kann ich einmal monatlich ein Abendessen zu zweit bezahlen. Die Arbeiten an diesem Buch dauerten insgesamt über drei Jahre.

Es lohnt sich dennoch

In 2001 hatte ich das Glück, mich für ein Thema zu interessieren, das kaum jemand auf dem Schirm hatte. So konnte ich durchaus von dem KnowWare-Heft „Barrierefreies Webdesign“ (und die dazugehörige Website) profitieren, indem ich Job-Angebote bekam und als Sprecher zu Kongressen eingeladen wurde. Da in meinem BWL-Studium keine IT-Fächer vorkamen, konnte ich drei Jahre dafür nutzen, mich immer weiter in das Thema einzuarbeiten. Diese Umstände erlaubten es mir, mich 2005 selbstständig als Accessibility-Consultant zu machen – was ich bis heute noch bin.

Da es bis heute kaum Bücher in deutscher Sprache über barrierefreies Webdesign gibt, habe ich mir zufällig ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet. Bis heute wenden sich Organisationen an mich, um sich zur Barrierefreiheit verbindlich beraten zu lassen, weil sie eine meiner Veröffentlichungen gelesen haben. So gesehen kann ich die investierte Zeit für das Schreiben der Bücher als langfristige Investition in meine Reputation „verbuchen“.

Die Frage, die sich mir im Nachhinein stellt, ist, ob die Bücher geschrieben werden mussten, denn mit Artikeln und anderen Beiträgen hätte ich genauso gut im Web präsent sein können. Die Antwort ist eindeutig „Ja“. Bücher sind greifbar. Ein Blog hingegen ist eher flüchtig. Während ein drei Jahre altes Buch immer noch zum Stöbern einlädt, wird einem drei Jahre alten Blog-Beitrag eine geringere Aufmerksamkeit geschenkt. Der Vorteil der Veröffentlichungen im Web ist allerdings die bessere Auffindbarkeit.

Konsequenz?

Ein neues Buch steht nicht an. Das letzte Buch ist schon über 800 Seiten lang und – wie ein Accessibility-Experte nach dem Erscheinen so schön sagte – das Thema sei darin sehr gut zusammengefasst.

Das Thema „Barrierefreies Webdesign“ ist viel zu umfassend, als dass es bis ins letzte Detail in einem Buch behandelt werden kann; dazu kommen weitere Aspekte, die die Buchform zur Vermittlung des Themas erschweren: Zum einen entstehen gerade zahlreiche neue Webstandards, die die Barrierefreiheit betreffen, und zum anderen gibt es rasante Entwicklungen bei der Zugänglichkeitsunterstützung in Hilfsmitteln und Browsern. Immerhin: Mittlerweile steht einem Buch über die Barrierefreiheit mit HTML5 nichts mehr im Wege, denn die Zugänglichkeitsunterstützung ist zwischenzeitlich auf breiter Basis gegeben und stabil (Anfang dieses Jahres sah das noch nicht so aus, als ob das gelingen würde).

Firefox mit 85,5 % gefolgt von Google Chrome mit 83,5 % und Internet Explorer mit 37 % bei html5accessibility.com

IT-Fachbücher zur Barrierefreiheit im Web in deutscher Sprache sind wichtig. Außer es gäbe eine Finanzierung eines Buchprojekts, sehe ich mich aber nicht mehr in der Rolle, über das Thema zu schreiben. Solche „ehrenamtlichen“ Arbeiten müssen mittlerweile andere übernehmen.

Für die nächste Zeit werde ich mich weiteren Artikeln für die Website widmen. Es gibt noch sehr viele Themen, zu denen es in deutscher Sprache nichts Nennenswertes im Web gibt. Wirtschaftlich bringt das zwar noch weniger als ein Buch (die Werbeeinnahmen reichen für einen Dinner alle paar Monate), aber es ist meine Öffentlichkeitsarbeit, die die Kommunikation mit potenziellen Kunden eröffnet.

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